Wenn es um Banken geht, ist derzeit ein Thema in aller Munde: Die Digitalisierung und der damit verbundene Wandel, welchem ein Disruptionspotential von nie dagewesenem Ausmass zugestanden wird. Dieser Artikel soll allerdings nicht aufzuzeigen, welche Veränderungen dieser Wandel mit sich bringen könnte, sondern vielmehr, was es braucht, damit er richtig in Gang kommen kann. In einem auf Finews erschienenen Interview wurde betont, dass der Schweizer Bankensektor erst am Beginn eines lang anhaltenden Strukturwandels stünde. Vielleicht steht unsere Branche aber auch bereits mitten in diesem Veränderungsprozess, der viel früher eingesetzt hat und nicht nur technologisch getrieben ist. Immerhin hat zu Beginn der 1990er Jahre die Immobilienkrise die Anzahl Banken markant reduziert. Vom einstmaligen Höchststand von deutlich über 600 Banken bestehen heute noch 260 Institute in der Schweiz. Der abnehmende Trend ist seither ungebrochen. Von Rafael Umbricht und Roland Hofmann*

Um diese Aussagen zu verifizieren, werden wir in einem ersten Teil die längerfristige Entwicklung der Marktaufteilung nach Bilanzsumme, die Beschäftigung und die Wertschöpfung im Bankensektor darstellen. In einem zweiten Teil folgt die Analyse von möglichen Entwicklungen, die einen sich beschleunigenden Wandel auslösen könnten.

Marktaufteilung

Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass sich die Marktstruktur der Akteure im Bankensektor zwischen 2008 und 2016, gemessen an der Bilanzsumme, nicht grundlegend verändert hat (vgl. Abb. 1 im Anhang). Zwar haben die Grossbanken einige Marktanteile verloren, dieser Anteil ging allerdings zu einem grossen Teil an andere bestehende Akteure, was nicht für einen disruptiven Wandel spricht.

Die immer noch dominante Stellung der Grossbanken führt insgesamt zu einer recht konzentrierten Marktstruktur, wenn man das Bilanzgeschäft in der Schweiz untersucht. Damit unterscheidet sich das klassische Bankgeschäft (Fristen-, Losgrössen- und Risikotransformation über die Bilanz einer Bank) bezüglich Marktdynamik recht deutlich von derjenigen anderer Länder, beispielsweise Deutschland. Wenn man zudem bedenkt, dass sich die Schweizer Wirtschaft traditionell eher bankenbasiert als börsenbasiert finanziert, lässt sich der Schluss ziehen, dass der Eintritt von neuen Mitbewerbern ins klassische Bilanzgeschäft hürdenreich ist.

Beschäftigung

Um zu sehen, was sich in den letzten Jahren getan hat, lohnt sich ein Blick auf die Entwicklung der Beschäftigten im Schweizer Bankensektor. Die Beschäftigungslage war über die letzten Jahre hinweg konstanter als gemeinhin angenommen (vgl. Abb. 2 im Anhang). Dank der positiven Entwicklung der banknahen Finanzdienstleister musste der ganze Bankensektor seit dem Jahr 2008 nur eine leichte Abnahme von circa 1.5 Prozent oder 2'300 Vollzeitstellen verzeichnen. Diese Entwicklung kontrastiert recht deutlich mit dem Rückgang der Anzahl Banken in den letzten Jahren. Der Verlust von Banken führte nicht direkt zu einem Beschäftigungsrückgang. Dazu kommt, dass viele mit Bankdienstleistungen verbundene Tätigkeiten heute nicht mehr direkt im Bankensektor ausgeführt werden. Die Beschäftigung dürfte in diesem Bereich somit gegenüber früher deutlich höher ausfallen.

Ein Beispiel dafür sind die Fintechs, welche als Inbegriff für den Strukturwandel im Schweizer Bankensektor gelten und in der Schweiz im Jahr 2015 über circa 2'500 Mitarbeitende beschäftigten. Dies entspricht allerdings nur gerade 1.7 Prozent der Vollzeit-Beschäftigung im Schweizer Bankensektor, was trotz der hohen Wachstumsraten nicht gerade für eine disruptive Entwicklung spricht. Auch dieser Wert zeigt, dass der Schweizer Bankensektor bisher noch nicht den grossen prognostizierten Umbruch hinnehmen musste, wie ihn zum Beispiel die Mobiltelefonhersteller zwischen den Jahren 2007 und 2013 (Nokia’s Marktanteil sank von 40 Prozent auf null innert 6 Jahren) oder die Taxisparte in den USA seit der Gründung von Uber im Jahr 2008 (Marktanteil von Uber im Jahr 2016 bei deutlich über 80 Prozent).

Wertschöpfung

Ein anderes, weniger erfreuliches Bild zeigt die Entwicklung der Wertschöpfung. Die Wertschöpfung des Bankensektors1 bricht, wie auch die Beschäftigung, jeweils nach einer Krise ein. Dies ist sowohl zu Beginn der 2000er Jahre als auch nach dem Ausbruch der Finanzkrise 2007/2008 deutlich sichtbar (vgl. Abb. 3 im Anhang). Die Bruttowertschöpfung des Bankensektors verläuft seit nunmehr zehn Jahren ungebremst rückläufig. Bei der Wertschöpfung können somit die bankennahen Finanzdienstleister den Rückgang bei den Banken nicht ausgleichen. Zieht man hingegen die wertschöpfenden Vorleistungen2 hinzu zeigt sich ein anderes Bild. Es ist deutlich erkennbar, dass wenige Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise ein Umschwung stattgefunden hat und die Banken wieder laufend mehr Wertschöpfung einkaufen (vgl. Abb. 3 im Anhang). Dies lässt sich wohl grösstenteils durch die Auslagerungsaktivitäten erklären. Um diese Vorleistungen und die Bruttowertschöpfung des Bankensektors ins Verhältnis zu bringen, soll zudem auf die Entwicklung des Bruttoproduktionswertes (vgl. Abb. 3 im Anhang) verwiesen werden.

Dieses Bild sieht insgesamt bereits ermutigender aus. Tatsächlich konnten von den Verlusten in der Bruttowertschöpfung des Finanzsektors seit 2008 (11’163 Millionen Franken) 37 Prozent durch die Vorleistungen (4’089 Millionen Franken) wieder aufgefangen werden. Ein Grossteil der restlichen Verluste an Bruttowertschöpfung dürfte durch das schwierige makroökonomische Umfeld, durch die langanhaltende Tiefzinsphase und den entsprechenden Druck auf die Margen, erklärt werden können.

Es kann abschliessend festgehalten werden, dass aus den hier dargestellten Statistiken bislang kein technologisch getriebener, disruptiver Wandel erkennbar ist. Wichtiger scheint der langfristige Einfluss von Krisen auf den Bankensektor zu sein (Immobilienkrise zu Beginn der 1990er Jahre und die Finanzkrise ab 2007). Das Gefühl des starken Wandels in der Branche lässt sich wohl darauf zurückführen, dass kurzfristige Entwicklungen tendenziell überschätzt (aktuelles Beispiel: Bitcoin), langfristiges Disruptionspotential (Beispiel: Blockchain) hingegen eher unterschätzt werden. Dazu kommt, dass die Schweizer Bevölkerung eine relativ gute Meinung über die Banken hat, welche seit der Finanzkrise sogar deutlich gestiegen ist, was bei einem disruptiven Wandel vermutlich nicht der Fall wäre.

Wie geht es weiter?

Nach dieser Analyse drängt sich unweigerlich die Frage auf, wann und ob sich denn etwas ändern wird und, im Falle eines bevorstehenden Wandels, was diesen auslösen oder beschleunigen könnte. Bei den vier Sphären, welche die Marktstruktur (5. Sphäre) massgeblich beeinflussen können, handelt es sich um Lebensstile und Werte, digitale Technologien, Regulierung und Politik sowie die Makroökonomie. Es wird vermutlich eine Kombination aus diesen vier Faktoren sein, die einen Wandel begünstigen oder eben bremsen kann. Um eine Idee über mögliche Auslöser eines Wandels zu bekommen werden nachfolgend zwei Aspekte qualitativ beleuchtet.

Aspekt A: Makroökonomie – Der Zinsanstieg kommt

Seit fast einem Jahrzehnt verweilen die nominalen Zinsen in der westlichen Welt um die Nullprozentgrenze. Diese Nullzinsen haben in der Vergangenheit zu tieferen Zinsmargen im Bankensektor, gestiegenen Immobilienpreisen sowie gestiegenen Hypothekarvolumen geführt. Zudem wird der langfristige Sparprozess in der Altersvorsorge markant erschwert. Diverse neue Regulierungen haben dazu geführt, dass die Implementierung dieser neuen Vorschriften einen grossen Teil der IT-Budgets beansprucht (man geht von ungefähr 75 Prozent aus, die in Run-The-Bank Projekte investiert werden müssen). Ressourcen für innovative Veränderungen sind bei den Banken somit nur beschränkt vorhanden.

Sollten die Zinsen in nächster Zeit rasch steigen – mögliche Auslöser dafür gibt es viele – könnte dies im Schweizer Bankensektor zu grossen Herausforderungen führen. Die Zinsen auf der kurzfristigen Passivseite (Kundeneinlagen) der Bankbilanz steigen schneller an als die Zinsen auf der langfristig finanzierten und häufig gebundenen Aktivseite (Kredite). Die Refinanzierungskosten der Banken steigen deutlich an und die Ertragslage verschlechtert sich. In Kombination mit der ansteigenden Unsicherheit über die Stabilität der Banken, welche Hand in Hand mit einem Stressszenario einhergeht, könnte diese Entwicklung durchaus Kunden zu alternativen Anbietern mit attraktiveren Einlagenangeboten treiben. Zudem werden mit steigenden Zinsen Substitute zu Bankeinlagen relativ attraktiver. Die Veränderung würde also durch makroökonomische Faktoren getrieben und nicht, wie oft erwartet, durch ein Umdenken der tendenziell konservativen und loyalen Schweizer Privatkunden. Wenn dies eintrifft, wird es für Banken deutlich schwieriger, wieder Kunden zu gewinnen und Einnahmen zu generieren, die sie dringend bräuchten um innovative Veränderungen voranzutreiben. Ein solches Szenario könnte durchaus über das Potential verfügen, die Bankenlandschaft stark umzukrempeln.

Aspekt B: Regulierung und Politik – Wandel: Ja / Disruption: Nein

Die Jahre seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2007 waren geprägt durch einen starken Anstieg der Regulierungsdichte im Banking. Diese hat mitunter dazu geführt, dass die betroffenen Finanzinstitute einen grossen Teil ihrer Veränderungsbudgets in der IT dafür einsetzen müssen, diesen neuen Anforderungen gerecht zu werden (siehe oben). Aktuelle Bestrebungen lassen allerdings eine Tendenz hin zu einer nachhaltigeren Regulierungspolitik erkennen. Exemplarisch steht das «Konzept für eine gute Regierungspolitik» der Schweizerischen Bankiervereinigung.

Eine Reduktion der Regulierungskosten könnte dazu beitragen, dass den Finanzinstituten mehr Ressourcen für Innovationen bleiben. In Kombination mit den Absichten des Bundesrats, für eine Fintech-freundliche Regulierung zu sorgen, könnte diese Entwicklung dazu führen, dass die bereits stattliche Anzahl von innovativen Finanzdienstleistungen noch stärker anwächst und sich diese Angebote endlich etablieren können. Viele Kombinationen aus Banken, Technologie- und Telekommunikationsgesellschaften sowie Fintechs wären in einem «Urkompromissland» wie der Schweiz die Folge. Die konservative Haltung der Schweizer Bevölkerung, das Festhalten an bewährten Strukturen, könnte so Hand in Hand mit der Etablierung von innovativen Finanzdienstleistungen gehen. Es würde sich auf der Dienstleistungspalette zwar vieles verändern, ein disruptiver Wandel in den Marktstrukturen wäre allerdings nicht zwingend die Folge.

Handlungsempfehlungen

Finanzinstitute: Von den Finanzinstituten wird in Zukunft eine klare Effizienzsteigerung erwartet. Die Möglichkeiten der Effizienzgewinne durch Automatisierung sind vielseitig und doch müssen sie genutzt werden. Die Beschäftigungszahlen (vgl. oben) lassen vermuten, dass hier noch Potential vorhanden sein dürfte. Daneben spielt die Agilität eine zentrale Rolle. Um eine Zukunft wie in Aspekt B skizziert zu erreichen, müssen alte und teilweise auch bewährte Strukturen überdacht und angepasst werden. Auch die Fähigkeit von Finanzinstituten wieder attraktiver für junge Mitarbeitende zu werden, kann mit dieser Stossrichtung adressiert werden.

Mitarbeitende: In einer Welt, welche immer digitaler wird, ist es wichtig zu verstehen, dass die Halbwertszeit des eigenen Kompetenzportfolios stetig abnimmt. Dies ist hauptsächlich auf die Veränderungsgeschwindigkeit zurückzuführen. Umso wichtiger wird es für Menschen sich stetig weiterzubilden. Dies fordert eine starke Lern- und Veränderungsbereitschaft. Daneben findet ein fundamentaler Paradigmenwechsel in Bezug auf die Laufbahnen statt. Waren im Bankensektor linear-vertikale Laufbahnen bislang gängig, werden in Zukunft multidirektionale Modelle dominieren. Diese Entwicklung stellt vor allem für ältere, gestandene Bankmitarbeitende eine grosse Herausforderung dar. Sie müssen ihren Mindset verändern, um flexibel und geplant auf zukünftige Rahmenbedingungen reagieren zu können. Zentral ist für sie Klarheit über den Wert des eigenen Kompetenzportfolios und die allfälligen Lücken, welche zu den geforderten zukünftigen Kompetenzen bestehen, zu erlangen. Von den Arbeitgebern werden daher Transparenz über die Entwicklungsmöglichkeiten und flexible alternative Modelle verlangt. Den Jungen hingegen spielt diese Entwicklung in die Hände. Gemäss der im November 2017 erschienenen «Zukunftsstudie Bankfachspezialisten 20130» müssen sie sich allerdings klar darüber werden, ob sie ihre berufliche Erfüllung bei einem herkömmlichen Bankdienstleister finden können, oder ob alternative Anbieter oder sogar alternative Branchen die erfolgversprechenderen Rahmenbedingungen bieten können. Diese Rahmenbedingungen zu schaffen, wird für die Finanzinstitute zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor beim Werben um junge Talente werden. Die Zeiten, in denen die grössten Talente von einer Bankkarriere träumten, sind vorbei. Sie haben heute Alternativen.

Staat: Auf Seiten des Staats wird es von zentraler Bedeutung sein, die Regulierungsbemühungen in einem zweckmässigen, wirksamen, verhältnismässigen und kostengünstigen Rahmen umzusetzen. Vor allem um eine Zukunft wie in Aspekt B erläutert zu erreichen, sind diese Grundsätze entscheidend.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Veränderungen zweifelsohne kommen werden. Auch wenn noch unklar ist, wie sich der Wandel genau akzentuieren wird, ist eine Vorbereitung, zumindest in Form eines Umdenkens, zwingend nötig, um für die Veränderungen bereit zu sein. Wer sich bereits heute mit dem Wandel auseinander setzt, der wird eher für einen Umbruch bereit sein und somit das Fundament für den zukünftigen Erfolg gelegt haben.

 

* Rafael Umbricht ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wealth and Asset Management an der ZHAW School of Management and Law in Winterthur. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Beschäftigung im Schweizer Bankensektor sowie Haushaltsfinanzen. Er ist Mitautor der im November 2017 erschienenen Zukunftsstudie Bankfachspezialisten 2030.

* Roland Hofmann ist Dozent für Banking & Finance am Institut für Wealth and Asset Management an der ZHAW School of Management and Law in Winterthur und Doktorand an der Universität Luzern. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Fragestellungen aus Banking und Finance sowie der politischen Ökonomie.

 

1Das Bundesamt für Statistik spricht hier vom Finanzsektor. Gemeint sind Banken sowie der Anteil von anderen Finanzdienstleistern, welche den banknahen Finanzdienstleistern zugeordnet werden können.

2Die Vorleistungen bezeichnen den bereits geleisteten Wertschöpfungsanteil am Bruttoproduktionswert, bevor die Banken, respektive die bankennahen Finanzdienstleister ihren Anteil beitragen.